Monte San Martino Lundo Lomaso

„...der Blick auf die Ruinen lässt uns flüchtig die Existenz einer... nicht datierbaren Zeit erahnen, die in unserer Welt der Bilder fehlt (...), deren Trümmern nicht mehr die Zeit gegeben ist, Ruinen zu werden...“

Geschichte, Ereignisse und zeitlicher Ablauf

Im Jahr 376: Von den Hunnen bedroht und bedrängt, erflehten Tausende von Goten, die am Donauufer siedelten, Aufnahme auf römischem Gebiet. Trotz seiner Bedenken gewährte ihnen der im Osten regierende Kaiser Valens Asyl, in der Hoffnung, eine große Anzahl Bauern zur Bewirtschaftung der Brachflächen und Krieger zur Stärkung
des Heers zu gewinnen. Bei der Überfahrt ans römische Ufer herrschte ein großes Durcheinander: Männer, Frauen, Kinder, Tiere und Gegenstände aller Art wurden über den großen Fluss befördert, während sich korrupte Beamte herumtrieben, Befehle missachteten und den Flüchtlingen die versprochene Unterstützung verweigerten. Zwei Jahre lang zogen sie durch das heutige Bulgarien und die Türkei: Sie waren von Hunger und Elend geplagt, raubten und plünderten, um zu überleben. Schließlich spitzte sich die Lage zu. An einem drückend heißen Tag im August 378 kam es vor der Stadt Adrianopel zur Schlacht zwischen den Goten und den römischen Armeen: Letztere erlitten schwerwiegende Verluste und der Kaiser selbst fiel mit seiner gesamten Streitmacht. Eine Katastrophe, die den Beginn einer unumkehrbaren Entwicklung für die antike Welt einläutete. Im Laufe weniger Generationen zerfiel das Imperium, während sich die von Kriegsherrn geführten Völker in seinen Territorien ausbreiteten. Im Westen wurden die Alpen in einem letzten Versuch des Beharrens zur Grenze und daher mit Befestigungsanlagen gesichert. An den wichtigsten Verbindungsstraßen nach Italien (Piemonteser Voralpen, lombardisches Seengebiet, Voralpen zwischen Gardasee und Etsch, Friaul und Istrien) wurden Garnisonen aufgestellt sowie Sperren und Festungen zu militärischen und defensiven Zwecken errichtet. Auf Anraten der Strategen wurden die morphologischen Gegebenheiten des Geländes genutzt und die Werke den Wasserläufen, Pässen, Engstellen und Gebirgszügen entlang angelegt. Nennenswert ist in diesem Zusammenhang die Festung Monte di San Martino: ein freiliegender Felsvorsprung in den Bergen nördlich des Gardasees, der größtenteils durch steile, schwer zugängliche Felswände geschützt ist. Seine Kuppe jedoch erhebt sich beherrschend über ein weites Gebiet mit alternativen Verbindungsstraßen zur berühmteren und parallel verlaufenden Etschtalstraße, der antiken Via Claudia Augusta. Die Festung (in der Antike castellum genannt) verfügte über natürliche Verteidigungsanlagen, die durch den Bau der Mauern und die darin integrierten Wachtürme erheblich verstärkt wurden. Beträchtlich war der Aufwand für die Errichtung: Material, Transportmittel, Arbeitskräfte und Verpflegung. Es war um die Mitte des 5. Jahrhunderts, als Attilas Hunnenhorden die transalpinen Regionen verwüsteten und sich andere „Barbaren“ zur Besetzung Italiens rüsteten. Nur wenige Menschen verkehrten auf dem Berg. Es handelte sich vermutlich um Militär- und Zivilbeamte, denen von den gotischen und später langobardischen Behörden spezifische Aufgaben zugewiesen wurden. Schließlich gelang es den Franken nach wiederholten Versuchen zwischen 774 und 788 mit Karl dem Großen die Alpen zu besetzen und die beiden Seiten zu vereinen. Daraufhin erwiesen sich Orte wie der Monte di San Martino für die ursprünglich vorgesehenen Zwecke nicht mehr erforderlich. Der Berg wurde verlassen und alle Bauwerke waren nunmehr dem Verfall preisgegeben. Erhalten blieb lediglich ein zwei Jahrhunderte zuvor errichtetes Oratorium auf der Bergkuppe, das noch bis etwa in die Mitte des 20. Jahrhunderts überlebte, als es einstürzte und die Geschichte dieses Ortes in Vergessenheit geriet.

Besichtigung

Von Lundo aus gelangt man über eine Forststraße zur Malga di San Giovanni (Beschilderung SAT 425). Auf halber Höhe, nach einem schmalen Durchgang („Porta di San Martino“), führt eine Nebenstraße zum Berg. Unmittelbar links des Weges tauchen die Fundamente eines in zwei gleich große Räume geteilten Gebäudes (1) auf; es könnte sich dabei um ein Wachhaus handeln. Gegenüber, inmitten der Vegetation, ist die scharfe Linie eines ersten megalithischen Verteidigungssystems zu erkennen (2), das sich 150 Meter quer über den Hang erstreckt. Beeindruckend ist die zwischen zwei großen Granitmonolithen eingeengte Durchfahrt (3), nach welcher die Straße weiterführt. Ein paar Schritte weiter rechts ragen die Ruinen der inneren Mauer (4) empor, die von dieser Stelle aus weitgehend dem Bergrand folgt und in den steilsten Abschnitten von festen, aufsteigenden Strebepfeilern gestützt wird. Sie zieht sich durchgehend weiter und umschließt die gesamte Bergkuppe. Der Zugang erfolgt durch ein in die Mauer integriertes und durch vorspringende Wangen (nur eine davon ist sichtbar) geschütztes Tor für den Personenverkehr (Südtor; 5). In der steinernen Schwelle sind die Angellöcher für die beiden Türflügel erhalten. Nach Überschreiten der Schwelle schweift der Blick über den etwa einen Hektar großen Innenbereich. Nahe der Umfassungsmauer befinden sich die Überreste einiger Gebäude, wie aneinandergereihte Steine, Mauerreste und gemeißelte Felsflächen bezeugen. Weiter bergauf ragen die Mauern eines in die Außenmauer integrierten Wachturms empor. Das Areal besteht aus vier Hauptbereichen, von denen der erste dem zentralen Siedlungsbereich entspricht: eine leicht gewellte Fläche, die von einem Feldweg durchquert wird, an dessen Seiten mehrere Reste von alten Steinbrüchen zu sehen sind (6). Zunächst wurde hier das Baumaterial gewonnen, später hat man Holzgebäude und -konstruktionen mit Wohn- und Speicherfunktion errichtet. Das nächste Areal entspricht dem nördlichen Innenbereich, der sich unmittelbar über dem Steilhang befindet. Er zeichnet sich aus durch ein großes, vollständig sichtbares Tor mit zwei Kammern (Nordtor, 7) und massiven Mauervorsprüngen, das auch Wagenverkehr gestattete. Das Tor wurde möglicherweise von einem Wach- und Verteidigungsturm überragt. In der Tordurchfahrt, die seitlich von zwei kleinen Räumen begrenzt ist, hat sich die Basis eines von oben bedienbaren Falltores erhalten. Zusammen mit anderen Nebenräumen bildet der Torbereich einen weitläufigen, in sich gegliederten Baukomplex, der zu Wohnzwecken und als prestigevolle Residenz diente (8). Oberhalb des Nordtores erstreckten sich weitere Bauwerke auf geebneten Felsflächen bis zur Umfassungsmauer, u. a. vermutlich auch ein Getreidespeicher, von dem nur wenige Überreste erhalten geblieben sind (9). Auf dem höchsten Punkt beherrschen die Überreste des Oratoriums von San Martino (10) das Landschaftsbild: ein Gebäude mit langer Geschichte und komplexer Entwicklung. Ursprünglich war es mit einem Saal und einem Anbau mit nach Süden ausgerichtetem Innenhof sowie einem über eine Treppe zugänglichen Obergeschoss ausgestattet. Für die Errichtung des Bauwerks waren aufwändige Maßnahmen nötig: unter Einsatz von Spitzhacken wurde der Felsboden begradigt (die Spuren sind noch sichtbar), hinzu kamen Nivellierungsarbeiten der umgebenden Flächen und Böschungen mit Aufschüttmaterial. Mit dem Bau des Oratoriums wurde auch die Umfassungsmauer modifiziert, deren Verlauf zum Teil abgeändert und in die Apsis des Gebäudes integriert wurde. Ebenfalls auf der Bergkuppe - abseits gelegen und vom Oratorium abgetrennt - befindet sich ein weiteres Gebäude, das mit einem häuslichen Bereich und zwei an die Mauern angebauten Nebenräumen ausgestattet war (11) und zu Wohnzwecken genutzt wurde.

Auf 980 m Meereshöhe erstreckte sich die alte befestigte Siedlung über eine Fläche von mehr als 17.000 m2, mit einer gesamten Innenfläche von rund 10.000 m2; davon wurden 6.000 m2 archäologischen Untersuchungen unterzogen. An den archäologischen Forschungsarbeiten sowie an den Restaurierungs- und Sicherungsmaßnahmen der ans Licht gebrachten Strukturen wirkten mehr als 200 Personen mit, darunter 140 Universitätsstudenten, Archäologen und Fachleute aus 11 verschiedenen europäischen Ländern. 430-480 ca.: Gründung und Aufbau der Festung

480-530 ca.: Gründung und Errichtung des Oratoriums

750-850 ca.: Das Oratorium wird dem Hl. Martin geweiht; in der Folgezeit wird die Bergsiedlung nach und nach verlassen

1110-1200 ca.: Wiederaufbau der Martinskapelle

1945-1960: Einsturz und Verfall der Kapelle 1

998-2000: erste Maßnahmen und archäologische Sondierungen zur Identifizierung der alten Siedlung

2004-2005: Die Überreste der Kapelle werden erforscht und archäologische Ausgrabungskampagnen eingeleitet

2015: letzte Ausgrabungskampagne; die Forschungen an der Fundstätte werden beendet

  

Provincia autonoma di Trento

Soprintendenza per i beni culturali 

Ufficio beni archeologici

Texte: Enrico Cavada; Übersetzung: Maria Schaefer, Marcus Zagermann

Besichtbar: Ja | Geeignet für: Familien - Schulen